Essenszeit zu Weihnachten

Arno Müller über Diätwahn zum Advent.

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Kurz vor Weihnachten kreisen die Gedanken einiger Frauen offensichtlich mehr um ihre Figur als um gutes Essen: „Wir haben am Wochenende Kekse gebacken, aber ich werde die natürlich nicht essen“, höre ich heute Morgen von einer Kollegin. Das ist aber schade, denke ich, warum und für wen backst du dann die Kekse? Weil es dazu gehört. Aber wann, wenn nicht zu Weihnachten soll man denn die Printen, Dominosteine und Marzipankartoffeln essen? Der Christstollen gehört in den eigenen Bauch, er wird nicht für die anderen gebacken. Gans, Ente, Kartoffelsalat und Würstchen wollen verspeist werden. Nicht so von einigen durchaus selbstbewussten Frauen, die latent unzufrieden mit ihrem Gewicht sind.

Da wird alles versucht, Fitnessstudio. Fahrradfahren inhouse oder auch draußen bei jedem Wetter. Low Carb. No Carb. Trennkost, nur Fleisch, kein Fleisch. Irgendwann habe ich den Überblick verloren. Ich würde nicht einmal darüber nachdenken, nur noch Eisbergsalat zu essen. Es ist auch sinnlos, ein Leben lang einer Phantomfigur hinterher zu rennen. Ich kenne das aus eigener Erfahrung, aber ich habe festgestellt, Diäten machen einfach nur schlechte Laune und Hunger. Von YoYo und so weiter brauche ich wohl niemandem mehr etwas zu erzählen.

Meine Lieblingstante hat nach einem langen Leben voller Diätplänen vor zwei Jahren endlich die Lust am Abnehmen verloren – und Überraschung: Ihre Welt ging nicht unter. Sie ist, wie sie ist und natürlich hatte sie ihre Fettpölsterchen überbewertet. In Wirklichkeit war und ist sie weit davon entfernt, die WHO wegen Fettleibigkeit auf den Plan zu rufen. Jetzt ignoriert sie die 50 Prozent der Selbstoptimierungs-Tipps für Frauen und liest die andere Hälfte, die mit den leckeren Rezepten. Was besonders mir gefällt, weil sie am 2. Weihnachtsfeiertag das beste Zimthuhn aller Zeiten für uns kocht. So gehört sich das in der Weihnachtszeit, volle Pulle, und sie isst nun gerne mit.

Arnos Kolumne erscheint immer dienstags in der Berliner Morgenpost und auf www.morgenpost.de.