Ich versteh' dich nicht!

Arno über das eine Mode- und Jugendwort.

"Keine Ahnung." Nachdem ich diese Antwort allen Ernstes zum 5. Mal hintereinander von Silvio, dem 12-Jährigen, bekommen habe, frage ich ihn "Was möchtest du trinken, das müsstest du aber wissen?" Der Junge guckt mich verständnislos an: "Ja klar, Alter! Cola Zero. Keine Ahnung." Was? Jetzt hat er doch endlich gesagt, was er will, wieso denn trotzdem noch ‚keine Ahnung‘? Was hat das zu bedeuten? Mal abgesehen von der Anrede. Das habe ich gelernt. Die Kids meinen damit nicht, dass ich zu alt für sie wäre, zurzeit ist einfach jeder für sie "Alter". Warum? Keine Ahnung.

Jede Generation hat ihre Modewörter. Bei uns waren das zum Beispiel "cool" oder "geil". Wir haben "eine Krise bekommen" oder  fanden  Dinge "affenscharf", was gleichbedeutend mit cool oder geil war. Im Moment gibt es offensichtlich nur ein einziges Modewort: Keine Ahnung.

Ich gehe zwar davon aus, dass die Kinder von einigen Sachen wirklich keine Ahnung haben, wie vielleicht Latein oder wie man eine Spülmaschine einräumt.  Aber sie antworten automatisch auf alle Fragen: Keine Ahnung. "Wann ist der Geburtstag von Mama?" Silvio: "Blöde Frage, morgen natürlich, keine Ahnung." Auf mich wirkt das wie ein nicht ausgesprochenes "Du kannst mich mal" oder wenigstens ein "Pfff, mir doch scheißegal." Es wäre mir lieber, wenn er das sagen würde, da wüsste ich, was er meint. So aber frage ich mich, was in seinem Kopf vor sich geht. Richtig geraten, ich habe keine Ahnung.

Ich mache eine Probe aufs Exempel und drohe Silvio, natürlich im Namen und mit Einverständnis seiner Eltern, mit Taschengeldentzug beim nächsten ‚Keine Ahnung‘. Das kann er nicht gut finden und ich hoffe auf ‚Das find ich beschissen von dir!‘ Nein, ich hätte es mir denken können. Silvio wendet sich ab, schüttelt den Kopf und brummelt ‚Keine Ahnung‘ in sich hinein. "Boah ey, da hab ich kein mehr Bock drauf. Astrein ist anders, Spasti", rufe ich ihm hinterher.  

Arnos Kolumne erscheint immer dienstags in der Berliner Morgenpost und auf www.morgenpost.de.

Diese Seite teilen: