Kluge Einsicht oder Qual?

Arno über den Sinn und Unsinn des Fastens.

Foto: dpa

Ein Leben ohne Alkohol, Zigaretten, Fleisch, Handy oder Auto: Für immer mehr Deutsche ist ab Aschermittwoch Schluss mit lustig. Denn es beginnt die Fastenzeit. Keine Kohlenhydrate mehr, das Bier bleibt im Kühlschrank und Finger weg von den Süßigkeiten. Wahrscheinlich nimmt man dadurch auch ab, aber das ist hier nicht das Entscheidende. Das Fasten geht zurück auf einen christlichen Brauch. Die Gläubigen essen vor Ostern 40 Tage lang nichts, weil Jesus diese Zeit fastend und betend in der Wüste verbrachte.

Es geht also nicht um Gewichtsreduktion, sondern darum, auf etwas zu verzichten - nicht, weil man muss, sondern weil man kann. Meine Frau sagt, dass man dadurch lernt, sich auf das Wesentliche zu besinnen und zwischen dem zu unterscheiden, wovon man sich durchaus trennen kann, weil es einfach nur eine schlechte Angewohnheit oder unbeachteter Ballast ist, und dem, was einem wirklich wichtig ist. Aus dieser Erkenntnis heraus hat sich das Fasten vielleicht inzwischen auch so weiter entwickelt, dass jetzt viele statt die Nahrungsaufnahme bewusst Konsum oder Facebook weglassen oder nicht das Auto, sondern den Bus nehmen.

Ob das alles allerdings wirklich sinnvoll ist, wage ich zu bezweifeln. Wir wissen doch, dass Verzicht eine noch viel größere Bergehrlichkeit erzeugt. Am ersten Tag nach einer Diät habe ich Heißhunger und nach einem Onlineverbot daddeln die Kids doch erst recht bis nachts im Netz herum. Trotzdem, ich will mitreden können und hab mir überlegt, ich kann auch "6 Wochen ohne". Ich könnte ja mal folgendem entsagen: In Jogginghose den Müll wegbringen. Mit dem Handy im Sender auf Lautsprecher telefonieren. Beim Fußball im Fernsehen die ellenlangen Vor- und Nachberichte gucken. Oder "Bin gleich da" sagen, obwohl ich auf dem Navi sehe, dass ich noch eine halbe Stunde bis zur Ankunft am Abendbrottisch brauche.

Arnos Kolumne erscheint immer dienstags in der Berliner Morgenpost und auf www.morgenpost.de.

 

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