Würden Sie mal kurz…

Arno über den neuen Beurteilungswahn in Restaurants, Toiletten und an der Kasse.

Ich war shoppen und stand an der Kasse. Die Verkäuferin fragte mich, ob ich vor dem Bezahlen noch schnell meinen Einkauf bewerten würde. Sie war sehr freundlich und ich habe mich dafür bedankt, das muss doch reichen, denke ich. Als sie sagte, dass sie von ihrer Geschäftsführung schlecht eingeschätzt würde, wenn sie zu wenige Bewertungen von Kunden vorweise, hatte ich Mitleid.

Meine Laune wurde allerdings nicht besser, als ich nun zehn Fragen beantworten sollte. Nichts Multiple Choice, ja, nein vielleicht und ratzfatz ist man raus aus dem Laden. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass wir inzwischen alles bewerten sollen? Kaum sitzt man im Steakhaus, schon liegt so ein QR-Code auf dem Tisch. Den kann man ganz einfach mit seinem Handy einscannen, heißt es, und dann soll man alles, aber auch alles benoten: Das Essen, die Wartezeit, die Atmosphäre, den Lautstärkepegel, die Nachbarn, das Lichtkonzept. Und das gilt nicht nur für Restaurants. Auch Mietwagenfirmen, Hotels, Fluggesellschaften, alle wollen, dass wir uns, natürlich nur kurz, Zeit dafür nehmen, ihre Leistung zu beurteilen. Was nicht immer so leicht ist wie bei einem großen Einkaufscenter in Berlin. Dort hängt an den Toiletten ein Display, auf dem man zwischen drei Smileys wählen kann. Rot, Gelb, Grün. Wie eine Ampel. Das versteh ich, einmal drücken und ich kann gehen. Andere, oft Online-Beurteilungsbögen, erinnern mich eher an eine Doktorarbeit. Vielleicht sind sie es auch.

Zu dem Aufwand hinzu kommt, dass ich es schwierig finde, ehrlich zu antworten. Ich habe mal auf die Bitte einer Restaurantchefin hin im Internet meine Bewertung für ihren Laden abgegeben: Der Kellner war zu langsam, das Essen so lala und letztlich fand ich das Preis-Leistungs-Verhältnis unangemessen. Daraufhin rief sie mich an und bat mich, das ganz schnell zu löschen. "Du vergraulst mir ja meine Kunden!" Das konnte ich verstehen, aber wozu sind die Beurteilungen dann überhaupt gut? 

Arnos Kolumne erscheint immer dienstags in der Berliner Morgenpost und auf www.morgenpost.de.