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Arno über Minimalismus.

Weihnachten, ja ich weiß, es ist vorbei. Ich will nur sagen, Weihnachten ist auch die Zeit der Familiengeschichten. Meine Frau liebt „Weißt du noch“-Geschichten. Aber die hier hat mein Sohn am 2. Weihnachtsfeiertag erzählt, als wir beide nach dem großen Kochen mit dem Aufräumen der Küche dran waren: „Weißt du noch Papa, als Mama zur Kur war, da haben wir nicht ein Mal die Spülmaschine benutzt.“ Wir grinsten uns an. In den zwei Wochen haben wir jeden Tag dasselbe Brett zum Essen genommen, es abgespült und wieder auf den Tisch gestellt.

Minimalismus ist in aller Munde. Es gibt einen Aufräum-Trend, zu reduzieren, weniger zu besitzen Das soll glücklicher machen und unser Gehirn soll besser funktionieren, wenn es optisch weniger Reizen aussetzt ist. Die Sehnsucht nach Einfachheit und Erleichterung treibt momentan viele um, es geht um Klarheit, Kontrolle und wieder etwas zu schätzen wissen. „30 Paar Schuhe bringen mir nicht die Erlösung“, sagt meine Frau. „irgendwann kann ich mich an dem einen Paar, das ich unbedingt haben wollte, doch gar nicht mehr freuen.“

Klingt logisch, denke ich. Zudem wachsen mit immer mehr Besitz auch die Ausgaben exponential. Teure Klamotten müssen in die Reinigung, ein größeres Auto verbraucht mehr Benzin und kostet höhere Versicherungssummen, 120 Quadratmeter einzurichten ist um so einiges teurer als 80. Eine Freundin stellte fest, dass sie nur noch für eine Wohnung geschuftet hatte, in der sie selten war, weil sie so viel arbeiten musste, um sie zu bezahlen. Sie brauchte eine Putzfrau, die ebenfalls kostete, weil sie selbst keine Zeit mehr zum Saubermachen hatte. Jetzt wohnt sie in einer Einzimmerwohnung und hat auf 30 Stunden umgestellt. Das scheint ihr gut zu bekommen. Eine andere Freundin hat nach der Trennung so richtig auf- und ausgeräumt, die Wohnung erscheint uns nun fast doppelt so groß wie vorher.

Wozu eigentlich ein neues Handy, wenn ich noch nicht mal alle Funktionen des alten anwenden kann? Macht der neue Smart TV Fernseher mit Ultra Ultra HD Blu-ray die Filme wirklich brillanter? Ich hab neulich in unserem Supermarkt die Toilettenpapiersorten gezählt und bei 21 aufgehört. Eine Kollegin wirft ein: „Das ist aber schon Jammern auf sehr hohem Niveau, wenn man sich über zu viel beschwert, oder?“ Sie hat Recht. Was aber an der Unzufriedenheit derjenigen, die es tun, nichts ändert. Sie leiden unter Überforderung, Übersättigung, Stress. Wir wollen wieder aufs Land, machen Sabbatjahre und gehen auf die Pritsche ins Kloster. Ich glaube, wenn wir Dinge, die wir nicht brauchen, nicht entfernen, verlieren wir den Überblick – über unser Leben.

Arnos Kolumne erscheint immer dienstags in der Berliner Morgenpost und auf www.morgenpost.de.

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