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Arno über einen möglichen Gesellschaftswahn

Kaum hat das neue Jahr begonnen überlegen wir, welche Diät die wirkungsvollste ist, nehmen uns vor, die bestehende Mitgliedschaft im Fitnessstudio wieder mit Leben zu füllen, melden uns zum Griechisch an, denn das sollten wir schon immer mal lernen, und listen unserem Arbeitgeber alle möglichen Weiterbildungsmaßnahmen auf. Überall liest man: Meditiere! Trinke! Zähle deine Kalorien! Laufe eine Runde um den Block! Fokussiere dich! Dokumentiere täglich deine persönlichen Arbeitsfortschritte. Das klingt einzeln alles ganz gut und schön, aber das setzt auch unter Stress und macht Druck. Folgerichtig diskutieren wir zeitgleich über einen möglichen Wahn der permanenten Selbstoptimierung.

Wir unterwerfen unsere Körper, Beziehungen und unsere Persönlichkeit zunehmend den Regeln der Ökonomie und Wirtschaftlichkeit. Da heißt es Effizienz, Berechenbarkeit und Profitmaximierung. Wir ernähren uns hyper-gesund, reflektieren und lernen aus unseren Fehlern, haben Coaches und sehen in allen Lebenslagen gut aus. Wir wollen immer und alles richtig machen, die Promis zeigen, dass Dasein eine Leistungsshow ist. Der Drang nach Selbstoptimierung wird durch Social Media gepusht. Hier sehen wir, wie motiviert, erfolgreich und perfekt alle anderen sind und das wollen wir auch alles sein. Womit ich Social Media nicht verdamme, ganz im Gegenteil, ich schätze das Internet sehr, denn es bereichert mein Leben. Aber es gibt diesen einen Punkt, an dem aus Bereicherung eine Sucht wird - wenn die Abstände, in denen wir alles checken und unserer Kontrolle unterwerfen, immer kürzer werden. Und bei alledem bleibt nicht viel Platz für ein entspanntes Verhältnis zu uns selbst.

Geht das zu ändern? Statt wahnhaft alles zu liken, könnten wir uns ja einfach mal wieder an einen Tisch setzen und Gespräche ohne Tagesordnung führen? Statt angeblich alles zu können, könnten wir uns auf unsere Stärken besinnen und dazu stehen? Meine Frau sagt, dass ihr die Natur gut tut. Denn im Wald muss sie nicht funktionieren, da darf man auch mal so richtig zwecklos sein.

Weniger schlafen, produktiver arbeiten, besser leben, für das beste Ich gibt es etliche Ratgeber, Blogs und Bücher, die sich ziemlich gut verkaufen. Klar, kann man sich immer noch und noch mehr verbessern – aber ich frage mich jetzt mal ganz außerhalb der Norm, ob ich das will, ob ich das brauche? Wer das für sich mit Ja beantwortet, für den heißt es, weiter so machen. Ich dagegen erlaube mir einmal etwas ganz Besonderes: Ich nehme mir vor, mich ein Jahr lang so akzeptieren, wie ich bin. Keine Diät, kein selbstauferlegter Druck im Job. Vielleicht bin ich ein bisschen zu dies oder jenes, aber am meisten bin ich gespannt darauf, wie ich mich so fühlen werde.

Arnos Kolumne erscheint immer dienstags in der Berliner Morgenpost und auf www.morgenpost.de.